Die Cybersecurity in kritischen Infrastrukturen steht zunehmend unter Druck. Laut dem „State of Critical Infrastructure Cybersecurity Report 2026“ von Palo Alto Networks haben 69 % der befragten deutschen Organisationen innerhalb der vergangenen zwölf Monate mindestens einen Sicherheitsvorfall mit betrieblichen Auswirkungen erlebt. Gleichzeitig verfügen 66 % nicht über eine vollständige Echtzeitübersicht ihrer operativen Technologie (Operational Technology, OT). Die Ergebnisse verdeutlichen die Herausforderungen für Betreiber vernetzter Industrieanlagen und kritischer Versorgungssysteme.
Cybersecurity in kritischen Infrastrukturen: Sichtbarkeit bleibt eine Schwachstelle
Für die Studie befragte Palo Alto Networks mehr als 1.600 Sicherheitsverantwortliche aus elf Ländern. Untersucht wurden fünf Branchen: Fertigung, Gesundheitswesen und Life Sciences, Energie und Versorgung, Transport sowie der öffentliche Sektor. Aus Deutschland flossen die Angaben von rund 140 Entscheidern ein.
Ein zentrales Ergebnis betrifft die Transparenz über vernetzte Betriebstechnik. 66 % der deutschen Befragten geben an, keine vollständige Echtzeitsicht auf ihre OT-Infrastruktur zu haben. Damit fehlen ihnen potenziell wichtige Informationen über angeschlossene Geräte, Kommunikationsverbindungen und mögliche Schwachstellen.
Solche Transparenzdefizite erschweren die Bewertung von Sicherheitsrisiken. Besonders in Anlagen mit unterschiedlichen Steuerungsgenerationen, langen Nutzungszeiten und zahlreichen Schnittstellen kann die vollständige Erfassung aller verbundenen Systeme eine Herausforderung darstellen.
Künstliche Intelligenz verändert die Bedrohungslage
Ein weiteres Thema der Untersuchung sind mögliche Cyberangriffe unter Einsatz leistungsfähiger KI-Modelle, sogenannter Frontier AI. In Deutschland bewerten 44 % der Befragten diese Bedrohung als sehr oder extrem hoch. Fast jeder fünfte Sicherheitsentscheider beschreibt die aktuelle Situation als fortlaufenden Wettlauf mit hochprofessionellen Angreifern.
KI-gestützte Angriffsmethoden können unter anderem die automatisierte Suche nach Schwachstellen und die Vorbereitung von Angriffen unterstützen. Für Betreiber kritischer Infrastrukturen entsteht dadurch die Herausforderung, mögliche Sicherheitslücken frühzeitig zu erkennen und geeignete Schutzmaßnahmen umzusetzen.
Weltweit äußern laut Palo Alto Networks 95 % der befragten Sicherheitsverantwortlichen Besorgnis über Angriffe mit Frontier AI. Die Ergebnisse beschreiben dabei die Einschätzung der Befragten und sind kein unmittelbarer Nachweis einer entsprechenden Zunahme tatsächlich durchgeführter KI-Angriffe.
Sieben Sicherheitssysteme erhöhen die betriebliche Komplexität
Auch die Vielzahl eingesetzter Sicherheitslösungen stellt die Organisationen vor Herausforderungen. Deutsche Betreiber kritischer Infrastrukturen nutzen der Studie zufolge durchschnittlich sieben unterschiedliche Sicherheitstools.
54 % der Befragten berichten, dass diese heterogene Sicherheitslandschaft die betriebliche Komplexität erhöht. Weitere 59 % sehen steigende Betriebskosten, unter anderem durch Wartungsaufwand und die Einbindung älterer Systeme.
Die parallele Nutzung verschiedener Anwendungen kann insbesondere dann problematisch werden, wenn Sicherheitsinformationen nicht zentral zusammengeführt werden. Werden Ereignisse in getrennten Systemen erkannt und bewertet, erschwert dies eine koordinierte Reaktion auf mögliche Angriffe.
Sicherheitsvorfälle verursachen Ausfallzeiten und finanzielle Schäden
Die Untersuchung zeigt auch konkrete betriebliche Auswirkungen von Cyberangriffen. 69 % der befragten deutschen Organisationen berichten von mindestens einem Sicherheitsvorfall innerhalb der vergangenen zwölf Monate, der ihre Betriebsabläufe beeinträchtigt hat.
Als wesentliche Folgen nennen die Befragten ungeplante Ausfallzeiten (55 %) und finanzielle Verluste (52 %). Damit wird deutlich, dass Cybersicherheit nicht ausschließlich eine Aufgabe der IT-Abteilungen ist, sondern unmittelbar mit der betrieblichen Verfügbarkeit und wirtschaftlichen Stabilität zusammenhängt.
Die Ergebnisse beziehen sich auf die untersuchten Branchen insgesamt. Eine gesonderte Auswertung für Unternehmen der Wasser- und Abwasserwirtschaft liegt in den bereitgestellten deutschen Studienangaben nicht vor.
Was die Studienergebnisse für die Wasserwirtschaft bedeuten
Für Wasserwerke, Kläranlagen und Betreiber von Versorgungsnetzen sind insbesondere die Erkenntnisse zur OT-Sicherheit relevant. Prozessleitsysteme, speicherprogrammierbare Steuerungen, Mess- und Regeltechnik sowie Fernwirksysteme bilden wesentliche Bestandteile eines zuverlässigen Anlagenbetriebs.
Mit der zunehmenden Vernetzung steigen die Anforderungen an die Absicherung dieser Systeme. Dabei müssen Betreiber sowohl die Verfügbarkeit der Anlagen als auch die Integrität von Messwerten und Steuerungsbefehlen berücksichtigen. Sicherheitsmaßnahmen dürfen gleichzeitig die betrieblich erforderlichen Funktionen nicht unkontrolliert beeinträchtigen.
Die Studienergebnisse unterstreichen daher die Bedeutung einer vollständigen Bestandsaufnahme vernetzter OT-Komponenten. Ebenso relevant sind klar geregelte Zugriffsberechtigungen, die Trennung unterschiedlicher Netzwerkbereiche und ein abgestimmtes Vorgehen zwischen IT-Sicherheit und technischem Anlagenbetrieb.
Netzwerksegmentierung und gemeinsame Sicherheitsprozesse
In ihrer internationalen Auswertung stellt Palo Alto Networks fest, dass 68 % der untersuchten Organisationen keine vollständige Echtzeittransparenz über sämtliche mit ihren OT-Netzwerken verbundenen Anlagenkomponenten besitzen. Zudem haben 74 % ihre IT- und OT-Sicherheitsprozesse bislang nicht vollständig integriert.
Als mögliche Maßnahmen nennt der Bericht eine verbesserte Erfassung vernetzter Anlagenkomponenten, die Priorisierung betriebsrelevanter Risiken sowie Netzwerksegmentierung und kontrollierte Fernzugriffe. Dadurch lässt sich begrenzen, welche Systeme miteinander kommunizieren dürfen und wie weit sich ein möglicher Angriff innerhalb einer Infrastruktur ausbreiten kann.
Für Betreiber wasserwirtschaftlicher Anlagen ist dabei eine auf die jeweiligen Betriebsbedingungen abgestimmte Umsetzung erforderlich. Insbesondere Eingriffe in bestehende Steuerungsnetze müssen sorgfältig geplant werden, um ungeplante Beeinträchtigungen des Anlagenbetriebs zu vermeiden.
Fazit: OT-Sicherheit wird zur betrieblichen Daueraufgabe
Die Studie macht deutlich, dass kritische Infrastrukturen vor mehreren miteinander verbundenen Herausforderungen stehen: eingeschränkte Transparenz über OT-Systeme, zunehmende Komplexität der Sicherheitsarchitektur und die Sorge vor KI-gestützten Angriffen.
Für die Wasserwirtschaft lassen sich daraus wichtige Handlungsfelder ableiten. Eine aktuelle Übersicht der eingesetzten Systeme, abgestimmte IT- und OT-Sicherheitsprozesse und die Begrenzung von Netzwerkzugriffen können dazu beitragen, Cyberrisiken systematisch zu reduzieren und die Verfügbarkeit wasserwirtschaftlicher Anlagen zu unterstützen.
Weitere Informationen zur Studie veröffentlicht Palo Alto Networks in seinem englischsprachigen Beitrag „State of Global Critical Infrastructure Cybersecurity 2026“.
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