Lindauer Seminar zeigt Lösungen für die Kanalnetze von morgen
Auch 2026 wurde das Lindauer Seminar seinem Ruf als eine der bedeutendsten Fachveranstaltungen im Bereich Kanalmanagement gerecht. Mehr als 670 Teilnehmende aus Wissenschaft, Kommunen, Ingenieurbüros und Unternehmen nutzten die Veranstaltung, um aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Lösungsansätze für die Siedlungsentwässerung zu diskutieren. Ergänzt wurde das Fachprogramm durch eine Fachausstellung mit über 90 Unternehmen aus den Bereichen Reinigung, Inspektion und Sanierung.
Klimawandel, Investitionsdruck und Cybersicherheit
Zum Auftakt des Seminars standen die großen Herausforderungen der Branche im Mittelpunkt. Prof. Dr.-Ing. Max Dohmann blickte auf die Entwicklung der Siedlungsentwässerung in den vergangenen Jahrzehnten zurück und spannte den Bogen von ersten optischen Inspektionsverfahren bis hin zu heutigen Anwendungen der Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz. Gleichzeitig machte er deutlich, dass die Erneuerung der alternden Kanalnetze weiterhin erhebliche Investitionen erfordert und die Anforderungen der Klimaanpassung die überwiegend gebührenfinanzierte Siedlungsentwässerung zunehmend unter wirtschaftlichen Druck setzen.
Wie stark Kommunen bereits heute gefordert sind, zeigte Dr.-Ing. Suzanne Mösel anhand verschiedener Beispiele zur klimaresilienten Stadtentwicklung. Maßnahmen wie Flächenentsiegelung, dezentrale Versickerung, Retentionsflächen und blau-grüne Infrastruktur seien wichtige Bausteine, stießen jedoch häufig an finanzielle, personelle und gesellschaftliche Grenzen. Die Anpassung an den Klimawandel erfordere vielerorts einen grundlegenden Umbau bestehender Strukturen.
Neben den Auswirkungen des Klimawandels rückte auch die Sicherheit kritischer Infrastrukturen in den Fokus. Moritz Samrock verdeutlichte, dass Cyberangriffe längst zu einem realen Risiko für Versorgungs- und Kommunikationssysteme geworden sind. Gleichzeitig betonte er, dass Resilienz und Schutzmaßnahmen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert wurden und kontinuierlich weiterentwickelt werden müssen.
Kommunale Praxis zwischen Sanierung und Fachkräftemangel
Die Herausforderungen im kommunalen Alltag standen im Mittelpunkt weiterer Vorträge. Anne Lang berichtete über die Auswirkungen steigender Grundwasserstände auf Abwasseranlagen und die daraus resultierenden betrieblichen Belastungen. Um die Leistungsfähigkeit der Netze langfristig zu sichern, wurden umfangreiche Maßnahmen zur Abdichtung von Schächten und Leitungen umgesetzt. Neue Wege bei der Umsetzung großer Infrastrukturprojekte stellte Dr.-Ing. Christian Falk von der Stadtentwässerung Dortmund vor. Im Fokus stand das Modell des Totalunternehmers, bei dem Planung, Bau und weitere Leistungen gebündelt vergeben werden. Vor dem Hintergrund knapper personeller Ressourcen könne dieses Vorgehen die Projektabwicklung beschleunigen und Kommunen deutlich entlasten.
Aktuelle Erkenntnisse aus dem KomNetAbwasser präsentierte Christian Bone vom IKT. Neben dem Erfahrungsaustausch zwischen Netzbetreibern wurden neue technische Entwicklungen vorgestellt, darunter der Einsatz von Drohnen für die Inspektion von Abwasseranlagen.
Digitalisierung verändert das Kanalmanagement
Einen breiten Raum nahm die Digitalisierung ein. Nora Blase zeigte anhand von Open-Source-Lösungen wie QGIS und QKan, welche Möglichkeiten insbesondere kleinen und mittleren Netzbetreibern für Datenverwaltung, Zustandsbewertung und Sanierungsplanung zur Verfügung stehen.
Mit digitalen Werkzeugen für die Steuerung komplexer Infrastrukturprojekte beschäftigte sich Carl Philipp Friedinger. Sein Ansatz eines „Digitalen Projektrisiko-Zwillings“ soll helfen, Kosten, Termine und Risiken transparenter darzustellen und frühzeitig zu bewerten.
Prof. Florian Winter widmete sich der zunehmenden Bedeutung von Building Information Modeling (BIM) in der Siedlungsentwässerung. Ergänzend stellte Maximilian Erb Praxisbeispiele für die digitale Zusammenarbeit zwischen Auftraggebern, Ingenieurbüros und Dienstleistern vor. Moderne WebGIS-Anwendungen ermöglichen dabei einen effizienteren Datenaustausch und unterstützen die Planung und Umsetzung von Sanierungsmaßnahmen.
KI eröffnet neue Möglichkeiten
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Potenzialen der Künstlichen Intelligenz. Phillip Grimm präsentierte neue Ansätze zur Analyse und Lokalisierung von Fremdwasser in Kanalnetzen. Mithilfe vorhandener Messdaten und Machine-Learning-Verfahren können Untersuchungen und Sanierungsmaßnahmen gezielter geplant werden. Auch bei der Kanalinspektion und Zustandsbewertung gewinnt KI zunehmend an Bedeutung. Roman Streubel zeigte aktuelle Entwicklungen bei bildbasierten Inspektionsverfahren und der Erstellung digitaler Punktwolken. Kai Gantenbrinker berichtete aus der Praxis über KI-gestützte Zustandsbewertungen, die bereits heute Effizienzsteigerungen ermöglichen, jedoch weiterhin eine fachliche Nachbewertung erfordern.
Dass mit der Nutzung von KI auch neue Anforderungen an Datenschutz und IT-Sicherheit verbunden sind, machte Moritz Samrock in einem weiteren Vortrag deutlich. Neben technischen Schwachstellen rückten dabei insbesondere organisatorische Sicherheitsmaßnahmen und der verantwortungsvolle Umgang mit Daten in den Vordergrund.
Nachhaltigkeit und Zukunftsthemen der Branche
Nachhaltigkeitsaspekte spielten ebenfalls eine wichtige Rolle. Prof. Dr.-Ing. Karsten Kerres stellte Methoden zur Bilanzierung von CO₂-Emissionen in der Kanalinstandhaltung vor und zeigte auf, welche Potenziale insbesondere grabenlose Verfahren zur Emissionsreduzierung bieten können.
Mit der Abwasserwärmenutzung beschäftigte sich Prof. Dr.-Ing. Karsten Körkemeyer. Vorgestellt wurden unterschiedliche technische Lösungen sowie die Anforderungen an Betrieb, Überwachung und Inspektion entsprechender Systeme.
Einen Blick auf die Zukunft des Berufsfeldes warf Dr. Linda Schlusemann. Sie erläuterte die Weiterentwicklung des Berufsbildes vom RKI zum Umwelttechnologen beziehungsweise zur Umwelttechnologin für Rohrleitungsnetze und Industrieanlagen. Digitalisierung, Nachhaltigkeit und moderne Ausbildungsformate spielen dabei eine immer wichtigere Rolle.
Effiziente Strategien für Betrieb und Werterhalt
Zum Abschluss standen Fragen der Instandhaltung und Betriebsoptimierung im Mittelpunkt. Arno Bauer stellte zustandsorientierte Inspektionsstrategien vor, die eine wirtschaftlichere Überwachung von Kanalnetzen ermöglichen. Ergänzend zeigte Jörg Otterbach anhand verschiedener Praxisbeispiele die Potenziale von Value Engineering für komplexe Infrastrukturprojekte auf.
Michael Mahr verdeutlichte die Bedeutung langfristiger Sanierungskonzepte für kommunale Entwässerungssysteme. Strategische Planungen können helfen, Investitionen gezielter einzusetzen und Fehlinvestitionen zu vermeiden. Jan Döring stellte schließlich digitale Schacht-Zoom-Kameras als ressourcenschonende Alternative zur klassischen TV-Inspektion vor.
Abschied von Prof. Max Dohmann
Mit der 38. Veranstaltung endete zugleich die langjährige Tätigkeit von Prof. Dr.-Ing. Max Dohmann als wissenschaftlicher Leiter des Lindauer Seminars. Über Jahrzehnte prägte er die fachliche Ausrichtung der Veranstaltung und trug maßgeblich dazu bei, das Seminar zu einer der wichtigsten Plattformen für den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis im Bereich der Siedlungsentwässerung zu entwickeln.
Fazit
Die Beiträge des Lindauer Seminars 2026 machten deutlich, dass die Branche vor vielfältigen Herausforderungen steht. Gleichzeitig wurden zahlreiche praxisnahe Lösungen vorgestellt – von digitalen Werkzeugen und KI-Anwendungen über nachhaltige Infrastrukturstrategien bis hin zu neuen Ansätzen für Betrieb, Sanierung und Klimaanpassung. Damit bot die Veranstaltung erneut wertvolle Impulse für Netzbetreiber, Kommunen, Ingenieurbüros und Dienstleister.
Quelle: JT_elektronik GmbH
The post Lindauer Seminar zeigt Lösungen für die Kanalnetze von morgen appeared first on gwf-wasser.de.