Am 8. und 9. September 2026 diskutierten Fachleute beim 24. Deutschen Schlauchlinertag und 15. Deutschen Reparaturtag in Kassel über die Voraussetzungen für eine dauerhaft erfolgreiche Kanalsanierung. Im Mittelpunkt standen Praxisbeispiele, neue Verfahren und aktuelle technische Entwicklungen. 264 Teilnehmer besuchten den 24. Deutschen Schlauchlinertag, 164 den 15. Deutschen Reparaturtag. Beide Veranstaltungen beschäftigten sich mit der Frage, welche Faktoren von der Planung über die Ausführung und Qualitätssicherung bis zum späteren Betrieb entscheidend sind, damit Sanierungsmaßnahmen langfristig erfolgreich bleiben.
„Uns interessiert nicht nur, dass eine Sanierung funktioniert hat. Spannend ist, warum sie funktioniert hat. Welche Grundlagen lagen vor, welche Entscheidungen wurden getroffen und was lässt sich daraus für zukünftige Projekte mitnehmen?“, betonte Dr.-Ing. Igor Borovsky, Vorsitzender der Technischen Akademie Hannover e. V. und Geschäftsführer des Verbandes zertifizierter Sanierungs-Berater für Entwässerungssysteme e. V.
Diese praxisorientierte Herangehensweise prägte beide Veranstaltungstage. Den Schlauchlinertag moderierte Dipl.-Ing. Univ. Alexander Jung von der ISAS GmbH, durch den Reparaturtag führte Dipl.-Ing. Michael Hippe, Vorstandsvorsitzender des Verbandes zertifizierter Sanierungs-Berater für Entwässerungssysteme e. V. (VSB).

Dr.-Ing. Igor Borovsky, Vorsitzender der Technischen Akademie Hannover e. V. und Geschäftsführer des VSB (r.), Dipl.-Ing. Univ. Alexander Jung von der ISAS GmbH (m.) sowie Dipl.-Ing. Michael Hippe, Vorstandsvorsitzender des VSB, (r.) führten durch das Programm. Jung moderierte den Schlauchlinertag, Hippe moderierte den Reparaturtag und Borovsky eröffnete beide Veranstaltungen. Quelle: TAH
Langjährige Erfahrungen als Grundlage erfolgreicher Sanierungen
Zum Auftakt des Schlauchlinertages blickte Dipl.-Ing. Frank Werner Grauvogel von den Technischen Betrieben Solingen auf rund 30 Jahre Sanierungspraxis zurück. Bereits 1996 stellte Solingen 20 Millionen Euro für eine langfristige Kanalsanierungsstrategie bereit. Seither wurden rund 75 Kilometer Schlauchliner eingebaut. Zwar konnte der ursprünglich auf 20 Jahre angelegte Zeitplan nicht vollständig eingehalten werden, die Strategie wurde jedoch konsequent fortgesetzt.
Mit zunehmender Erfahrung stiegen auch die Qualitätsanforderungen. Neben mechanischen Materialprüfungen kamen Wasserdichtheitskontrollen, baubegleitende Qualitätssicherung und DSC-Prüfungen hinzu. Die gewonnenen Erkenntnisse flossen kontinuierlich in neue Ausschreibungen ein. „Unsere Anforderungen sind mit den Erfahrungen gewachsen. Was wir aus der Ausführung, aus Prüfungen oder Nachträgen gelernt haben, haben wir in die nächsten Ausschreibungen übernommen“, betonte Grauvogel den Lernprozess.
Sorgfältige Planung entscheidet über die Lebensdauer
Welche Bedeutung die Planung für eine langlebige Sanierung hat, erläuterte Dipl.-Ing. (FH) Markus Vogel, Beratender Ingenieur. Entscheidend sei, welche Leistung der Netzbetreiber über die vorgesehene Nutzungsdauer von der sanierten Anlage erwarte. Dazu gehörten unter anderem Dichtheit, Standsicherheit, Betriebssicherheit und chemische Resistenz. Für Schlauchliner setzte Vogel eine Nutzungsdauer von mindestens 50 Jahren an. Sämtliche Anforderungen müssten deshalb bereits vor der Vergabe eindeutig festgelegt werden.
Auch Dipl.-Ing. Roland Wacker, Sachverständiger für Instandhaltung und Sanierung von Entwässerungsnetzen, unterstrich die Bedeutung belastbarer Planungsgrundlagen. Für die Schlauchlinerstatik müssten Altrohrzustand, Imperfektionen und Belastungen genau ermittelt werden. Regelstatiktabellen seien nur innerhalb bestimmter Randbedingungen anwendbar. Bei Altrohrzustand III oder überschrittenen Grenzwerten sei eine Einzelstatik erforderlich.
Qualitätssicherung muss den gesamten Einbau berücksichtigen
Dass Materialprüfungen allein keine ausreichende Qualitätssicherung gewährleisten, verdeutlichte Markus Vogel anhand von Auswertungen aus mehr als 7.500 Linerinstallationen. Dabei zeigten sich Abweichungen unter anderem bei Temperaturen, Drücken, Ziehgeschwindigkeiten und Leuchtmitteln. „Materialkennwerte sind kein Prozessnachweis“, brachte Vogel die Problematik auf den Punkt. Entscheidend sei deshalb auch der systematische Abgleich der aufgezeichneten Prozessdaten mit den Herstellerangaben.
Michelle Peeck, B.Sc., von der Siebert + Knipschild GmbH erläuterte die Weiterentwicklung von Materialkennwerten. Glasfasern und optimierte Laminataufbauten ermöglichen höhere E-Modulwerte und Biegespannungen bei geringeren Wanddicken. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Qualitätssicherung. Am Beispiel des Reststyrolgehalts zeigte Peeck, wie wichtig eindeutige Bezugsgrößen für die Bewertung von Messergebnissen sind.
Auch die Normung entwickelt sich weiter. Dr. John Gumbel von JG Pipeline Consultancy Ltd und Wim Elzink, Leiter der zuständigen internationalen Arbeitsgruppe, stellten die Neuordnung der bisherigen Schlauchlinernormen vor. Mit der DIN EN ISO 11300-2 werden Anforderungen künftig werkstoffbezogen zusammengeführt. Die Norm enthält unter anderem neue Definitionen, eine detailliertere Klassifizierung der Harze und präzisere Vorgaben für mechanische Kurzzeitkennwerte.
Unterschiedliche Kanalprofile stellen besondere Anforderungen
Welche Herausforderungen große Kanalprofile mit sich bringen, erläuterte Tobias Gierok von der Fischer Teamplan Ingenieurbüro GmbH. Bereits bei der Planung müssten unter anderem Zugänglichkeit, Platzbedarf, Abflusslenkung, Verkehrsführung und Anschlüsse berücksichtigt werden. Ein anspruchsvolles Praxisbeispiel präsentierte Dipl.-Ing. (FH) Torsten Seiler von der Stadtentwässerung Dresden. Bei der Sanierung des Dükers Flügelweg DN 2000 wurde eine tragende Linerwanddicke von 42 Millimetern nachgewiesen. Das rund 210 Tonnen schwere System wurde bei etwa einem Meter Wasserstand eingebaut, während ein paralleles Rohr die Abwasserhaltung übernahm.
Auch kleinere Dimensionen erfordern sorgfältige Vorbereitung. Dipl.-Ing. (FH) Dirk Mumm vom Eigenbetrieb Abwasser der Stadt Rheda-Wiedenbrück berichtete über Versuche aus den Jahren 2025 und 2026, Anschlussliner vom Hauptkanal aus einzubauen. Das Verfahren kann den Zugang über den Übergabeschacht vermeiden, ist jedoch an bestimmte technische Voraussetzungen gebunden. Dipl.-Ing. (FH) Steffen Hommel von IRS Sachsen widmete sich dem Einbau von Schlauchlinern in Trinkwasserleitungen ab DN 600. Hier kommen zusätzliche hygienische Anforderungen sowie Belastungen durch Innen- und Außendruck hinzu.
Langlebigkeit und Nachhaltigkeit gehören zusammen
Die Qualität einer Sanierung zeigt sich auch im späteren Betrieb. Dr.-Ing. Susanne Leddig-Bahls, Technische Leiterin der IQS Engineering AG, erläuterte die Anforderungen an die Hochdruckspülung renovierter Abwasserkanäle. Reinigungsziel, Verschmutzung, Rohrwerkstoff und Zustand bestimmen die geeigneten Spülparameter. Ihr Grundsatz: „Reinigung mit so wenig Druck wie möglich – nur so viel wie nötig.“
Dipl.-Ing. Marco Schlüter vom IKT – Institut für Unterirdische Infrastruktur vertiefte das Thema am Reparaturtag. Er zeigte, dass die Beanspruchung von Reparaturstellen nicht allein von Druck und Durchfluss abhängt. Auch Düsentyp, Strahlgeometrie, Abstand und Anschlüsse beeinflussen die Belastung. Die Bedeutung langlebiger Sanierungen für den Klimaschutz beleuchtete Prof. Dr. Jörg Sebastian. Er stellte den Arbeitsstand einer VSB-Empfehlung zur CO₂-Bilanzierung von Sanierungsprodukten und -verfahren vor. Für aussagekräftige Vergleiche seien einheitliche Bezugsgrößen und klar definierte Systemgrenzen erforderlich.
Anhand eines Rechenbeispiels verdeutlichte Sebastian, dass der CO₂-Ausstoß je Meter und Nutzungsjahr mit zunehmender Lebensdauer sinkt. „Der stärkste Hebel ist die erreichte Nutzungsdauer. Qualität ist Klimaschutz.“ In der anschließenden Podiumsdiskussion ging es darum, welche Rolle ökologische Kennwerte künftig bei Planung, Ausschreibung und Vergabe spielen können.
Strategische Reparaturplanung für den langfristigen Netzerhalt
Am 15. Deutschen Reparaturtag stand die Reparatur als Bestandteil einer nachhaltigen Netzbewirtschaftung im Mittelpunkt. Florian Frambach, M.Eng., von hanseWasser Bremen erläuterte die systematische Vorgehensweise seines Unternehmens. Von rund 2.300 Kilometern Kanalnetz werden jährlich 230 Kilometer mittels TV-Inspektion untersucht. Die Ergebnisse werden bewertet und bilden die Grundlage für die Entscheidung zwischen Reparatur, Renovierung und Erneuerung.
Dr.-Ing. Mark Kopietz von der SBKS GmbH stellte anschließend das Zulassungsverfahren beim Deutschen Institut für Bautechnik (DIBt) vor. Die Prüfungen richten sich nach dem jeweiligen Anwendungsbereich und umfassen unter anderem Materialeigenschaften, Haftung, Chemikalienbeständigkeit, Abrieb und Hochdruckspülfestigkeit.
Flexible Lösungen bei akuten Kanalschäden
Wie sich kurzfristige Eingriffe mit planbaren Reparaturen verbinden lassen, zeigte Dipl.-Ing. (FH) Bianca Burger von den Göttinger Entsorgungsbetrieben. Bei Wurzeleinwuchs wird bei Bedarf zunächst die Betriebssicherheit wiederhergestellt. Weitergehende Reparaturen werden anschließend über einen Rahmenauftrag gebündelt und in zwei planbaren Einsätzen jährlich durchgeführt.
Sarah Beck-Wieneke, B. Eng., von der IWA Ingenieurgesellschaft erläuterte die besonderen Herausforderungen bei Reparaturen unter Grundwassereinfluss. Entscheidend sei nicht nur, eindringendes Wasser zu stoppen, sondern auch mögliche Folgeschäden wie Hohlräume oder den Verlust der Bettungszone zu berücksichtigen. Edelstahlmanschetten und Injektionstechniken bieten unterschiedliche Möglichkeiten, haben jedoch jeweils technische Einsatzgrenzen.
Ein außergewöhnliches Sanierungsprojekt stellten Anja Kröhan von den Berliner Wasserbetrieben und Anja Janßen von Umwelttechnik Franz Janßen vor. Am Düker Popitzweg machten starke Infiltration, Bodeneintrag und ein sichtbarer Hohlraum eine sofortige Reparatur erforderlich. Erschwerend kamen unter anderem 45-Grad-Bögen, eine benachbarte U-Bahn-Linie und die historische Siemensbahn hinzu. Da die vorhandene Technik für die mehr als drei Meter lange Schadstelle nicht ausreichte, wurde ein 3,5 Meter langer Packer als Sonderanfertigung entwickelt. Die erfolgreiche Reparatur bildete die Grundlage für die anschließende umfassende Sanierungsplanung.
Materialwahl, Ausführung und Arbeitssicherheit im Blick
Weitere Vorträge beschäftigten sich mit speziellen Anforderungen einzelner Reparaturverfahren. Markus Vogel erläuterte die Risiken beim Kurzlinereinbau. Besonders wichtig seien sorgfältige Vorarbeiten, darunter Reinigung, Klebeflächenvorbereitung und Grundwasservorabdichtung.
Markus Dohmann vom Tiefbauamt Backnang stellte verschiedene Möglichkeiten zur Sanierung von Schachtgerinnen vor. Neben der Materialwahl seien eine hydraulisch geeignete Gestaltung, die Eignung für Betrieb und Unterhaltung sowie die fachgerechte Verarbeitung entscheidend.
Gerry Wehrle richtete den Blick auf die Arbeitssicherheit bei Reparaturen in begehbaren Kanälen. Gefährdungen durch Gase, Sauerstoffmangel, Wasserkräfte und eingeschränkte Bewegungsfreiheit müssten bereits in der Planung berücksichtigt werden. Eine fundierte Gefährdungsbeurteilung, schriftliche Freigaben und klare Zuständigkeiten seien vor Arbeitsbeginn unerlässlich.
Aussagekräftige Dokumentation statt unnötiger Bürokratie
Zum Abschluss rückten Abnahme, Dokumentation und Zusammenarbeit in den Mittelpunkt. Dipl.-Ing. Roland Wacker betonte, dass nicht die Menge der Unterlagen, sondern deren Aussagekraft entscheidend sei. Prüfungen und Nachweise sollten verfahrensabhängig und bereits vertraglich festgelegt werden. Eine Risikoanalyse könne helfen, besonders kritische Arbeitsschritte gezielt zu kontrollieren.
Hendrik Klar, M.Eng., von der ISAS GmbH beschäftigte sich mit den Anforderungen an ein erfolgreiches Projektmanagement. Sein Grundsatz „Fordern, was bewertbar ist – umsetzen, was leistbar ist“ verdeutlichte die Bedeutung realistischer Anforderungen, frühzeitiger Abstimmungen und einer funktionierenden Kommunikation zwischen Auftraggebern, Ingenieurbüros und ausführenden Unternehmen.
Auch die abschließende Podiumsdiskussion griff das Thema Dokumentation auf. Unterschiedliche Vorgaben und unvollständige Ausgangsunterlagen verursachen zusätzlichen Aufwand. Diskutiert wurden deshalb einheitlichere Strukturen und verlässliche Grundlagen, die bereits zu Projektbeginn vorliegen sollten.
Erfolgreiche Sanierung erfordert das Zusammenspiel aller Beteiligten
Zum Abschluss zog Michael Hippe ein positives Fazit: „Die beiden Tage haben sehr deutlich gezeigt, wie viele Faktoren über den Erfolg einer Sanierungsmaßnahme entscheiden. Das beginnt bei belastbaren Planungsgrundlagen und der richtigen Verfahrenswahl, reicht über Material, Vorarbeiten und Ausführung bis zu Qualitätssicherung, Dokumentation und Betrieb. Besonders zielführend war es, dass wir viele Fragen in diesem Jahr noch enger auf Basis realer Projekte diskutiert haben und die Erfahrungen von Netzbetreibern, Planern, Ausführenden und Herstellern übereinanderlegen konnten“.
Die beiden Veranstaltungstage lieferten damit zahlreiche praxisorientierte Impulse für die Planung, Umsetzung und langfristige Qualitätssicherung von Kanalsanierungsmaßnahmen.
Zur Anmeldung
Quelle: Thomas Martin Kommunikation
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