Wie Fische bei minus 1,9 Grad Celsius überleben
Rund 140 Fischarten haben sich im Laufe der Evolution an die besonderen Lebensbedingungen rund um die Antarktis angepasst. Eine davon ist der Antarktisraubfisch Harpagifer antarcticus. Der kleine, schuppenlose Fisch lebt in flachen, steinigen Küstengewässern und verfügt über spezielle Frostschutzproteine, die das Wachstum von Eiskristallen verhindern. Wie diese Anpassungen auf genetischer Ebene funktionieren, hat ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Dr. Iliana Bista vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt genauer untersucht.
Mütterliches und väterliches Erbgut erstmals getrennt analysiert
An der Studie waren unter anderem Forschende des British Antarctic Survey (BAS), des Wellcome Sanger Institute, der University of Cambridge und der University of Colorado beteiligt. Dem Team gelang es erstmals, das Erbgut von Harpagifer antarcticus so zusammenzusetzen, dass die beiden von Mutter und Vater geerbten Erbgutvarianten – die sogenannten Haplotypen – getrennt untersucht werden konnten. Diese Methode ermöglicht einen genaueren Blick auf genetische Unterschiede, die bei herkömmlichen Genomsequenzierungen häufig verborgen bleiben. Dazu gehören Veränderungen in Gensequenzen, eingefügte oder entfernte DNA-Abschnitte sowie Regionen, in denen bestimmte Gene mehrfach vorkommen.
„Diese Unterscheidung ist wissenschaftlich bedeutsam, da Unterschiede zwischen dem mütterlichen und dem väterlichen Erbgut bei herkömmlichen Verfahren zur Genomsequenzierung verborgen bleiben können“, erklärt Bista.
Frostschutzproteine unterscheiden sich in ihrer Länge
Die Analyse brachte ein überraschendes Ergebnis: Die mütterliche und die väterliche Erbgutvariante des Antarktisraubfischs sind insgesamt sehr ähnlich. Eine Variante enthält 17 Kopien der Gene für Frostschutzproteine, die andere 16. Deutlichere Unterschiede entdeckten die Forschenden bei sich wiederholenden DNA-Abschnitten und insbesondere bei der Länge der Gene, die für die Bildung der Frostschutzproteine verantwortlich sind.
Da größere Frostschutzproteine das Wachstum von Eiskristallen besonders wirksam hemmen können, vermutet das Forschungsteam, dass diese genetischen Unterschiede eine Rolle bei der Anpassung an unterschiedliche Umweltbedingungen innerhalb der Antarktis spielen.
Springende Gene als Motor der Evolution
Neben den Frostschutzproteinen untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weitere Besonderheiten des Erbguts. Dabei zeigte sich, dass rund 43 Prozent des Genoms aus sich wiederholenden DNA-Abschnitten bestehen. Besonders häufig treten sogenannte LINE-L2-Transposons auf. Diese auch als „springende Gene“ bezeichneten DNA-Elemente können ihre Position innerhalb des Erbguts verändern oder zusätzliche Kopien von sich selbst erzeugen.
Die Analyse deutet darauf hin, dass sich diese Elemente während der Evolution antarktischer Fische zeitweise besonders stark vermehrt haben. Möglicherweise trugen sie dadurch zur Vergrößerung des Erbguts und zur Entstehung neuer genetischer Varianten bei.
Die Untersuchung zeigt außerdem, dass die Anpassung an die Kälte weit über die Bildung von Frostschutzproteinen hinausgeht. Das Forschungsteam identifizierte Hinweise auf Veränderungen in Genen, die an verschiedenen lebenswichtigen Zellprozessen beteiligt sind. Dazu zählen die Abwehr schädlicher oxidativer Prozesse, der Fettstoffwechsel, die korrekte Faltung von Proteinen und die Aufrechterhaltung grundlegender Zellfunktionen. Diese Mechanismen sind besonders wichtig, da niedrige Temperaturen die Funktion von Eiweißen beeinträchtigen können und der hohe Sauerstoffgehalt des kalten Wassers zusätzlichen Stress für die Zellen bedeutet.
Anpassung beruht auf mehreren genetischen Mechanismen
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass das Überleben antarktischer Fische nicht auf eine einzelne genetische Besonderheit zurückzuführen ist. Vielmehr wirken unterschiedliche evolutionäre Veränderungen zusammen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Anpassung antarktischer Fische an extreme Kälte durch das Zusammenspiel verschiedener evolutionärer Prozesse geprägt ist“, fasst Bista zusammen.
Die getrennte Untersuchung der mütterlichen und väterlichen Erbgutvarianten liefert dabei neue Einblicke in genetische Unterschiede, die mit bisherigen Methoden möglicherweise unentdeckt geblieben wären. Die Studie trägt somit zu einem besseren Verständnis der evolutionären Anpassungsfähigkeit von Fischen an extreme Umweltbedingungen bei.
Quelle: Coole Anpassung: Wie Fische im Antarktischen Ozean überleben
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